'Sehen', Karin Stempel, 1998

in: Rosa M Hessling: Garden of Light, Museum für Lackkunst, Münster, 1998

Der New Yorker Neurologe Oliver Sacks beschreibt in seinem Buch "An Anthropologist on Mars" den tragischen Fall des 50-jährigen Virgil, der, nachdem er praktisch von seiner frühesten Kindheit an fast gänzlich blind war, durch einen operativen Eingriff plötzlich scheinbar sehen kann. Die anfängliche Euphorie weicht jedoch zunehmend dem Zweifel, was dieses "Sehen können" eigentlich meint und ob es wirklich etwas mit dem Sehen zu tun hat, wie es herkömmlicherweise verstanden wird. Immer auf der Grenze zwischen scheinbarem Sehen und offensichtlichen Nicht-Sehen treten die Unterschiede zwischen der physiologischen Fähigkeit und dem psychologischen Vermögen bzw. Unvermögen, etwas wahrzunehmen, immer deutlicher hervor, bis sie - wie in dem geschilderten Falle - zum Kollaps und damit zur endgültigen Erblindung des Patienten führen.

 

Deutlich wird an diesem Beispiel, daß Sehen offenbar weitaus mehr beinhaltet als die faktische Übertragung von durch Lichtwellen ausgelösten Impulsen vermittels der Retina und der Sehnerven. Sehen entdeckt sich vielmehr als ein höchst komplexer Verknüpfungsprozeß simultaner Reize, bei dem z.B. die haptische Erfahrung von Welt eine ebenso bedeutsame Rolle spielt wie die Erinnerung.

Interessant in dem von Oliver Sacks geschilderten und in den auch anderenorts von ihm zum Vergleich herangezogenen Fällen ist, daß die Konditionen und Konditionierungen des "normalen" Sehens in Form von diagnostizierbaren Defiziten Gestalt annehmen und der Umriß dessen erkennbar wird, was das "elementare" Sehen von der Wahrnehmung unterscheidet. Menschen, die wie Virgil sehen, ohne die Hilfe und die Vermittlung von Wahrnehmungsformen, sind - nach eigenen Aussagen - mit einem bedeutungslosen Treiben, einem in sich verschwimmenden Gemenge aus Licht, Farbe und Bewegung konfrontiert, einem optischen Rauschen, das weder Ort, noch Gestalt, noch Perspektive hat, sondern sich bestenfalls als verschiedenartige Rhythmen und Rhythmisierungen unterscheiden läßt. Sehen - ähnlich wie das Hören oder Riechen - ist nach dem Dafürhalten der neueren Biologie ein Umwandlungsprozeß, in dem Schwingungen in das rhythmische Pulsieren von Neuronen und in die Vibration von Frequenzstrukturen übersetzt wird, die vom Gehirn verarbeitet werden.

Wirklichkeit erscheint demnach als ein "andauernder rhythmischer Tanz" so wie das Universum als ein "ineinander verwobenes Netz von Zusammenhängen", das von Natur aus dynamisch ist. Diese Wandlungsfähigkeit der Wirklichkeit, die letztendlich auf den Doppelaspekt der Materie zurückzuführen ist, die weder Ding noch Schwingung ist, sondern ihre unterschiedlichen Aspekte immer nur in Verknüpfung und im Zusammenwirken mit anderen Systemen auf unterschiedliche Art und Weise als Möglichkeit realisiert, bedeutet aber auch, daß "die kartesianische Unterscheidung zwischen Geist und Materie, zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten nicht länger aufrecherhalten werden" kann - wie es Fritjof Capra einmal formulierte.

Dies gilt für die Atomphysik ebenso wie für die Ästhetik - für letztere um so mehr als sie erklärtermaßen im blinden Fleck der Unterscheidung, zwischen Geist und Materie, zwischen Beobachter und dem Beobachteten, angesiedelt ist. Das, was sich üblicherweise in der Kunst als Angriff oder als Auflösung von Sehkonventionen darstellt, hat hier letzlich seinen geheimen Fluchtpunkt so wie das "elementare" Sehen, das freigesetzt von den herkömmlichen Bindungen und Verbindungen zwischen Körper und Nicht-Körper sein Unwesen treibt.

Vor diesem Hintergrund und in diesem Zusammenhang wird deutlich, daß der selbstanalytische Prozeß, den die Malerei im 20. Jahrhundert durchlaufen hat - und auch wider allem Anschein - auch noch weiterhin durchläuft, weit mehr beinhaltet als eine selbstreflexive Untersuchung der eigenen Mittel und Möglichkeiten. Malerei leistet genau das, was man als Auflösung bestehender Sehkonventionen beschreiben kann, was man aber auch als Freisetzen neuer Formen von Wirklichkeit begreifen, Formen, die weder faktisch noch fiktiv sind, sondern möglich und wahrscheinlich.

Auch wenn man sich angesichts des gegenwärtigen Kunstgetriebes so vorkommen kann, als sei man ein Anthropologe auf dem Mars, wird deutlich, das das vermeintlich so klassische und so häufig für tot erklärte Medium der Malerei - so wie es sich zum Beispiel im Werk von Rosa M. Hessling entfaltet - um vieles radikaler ist als die ungezählten Installationen, Interventionen und - mehr oder minder - intelligenten Eingriffe in eine Wirklichkeit. Deren Bild letztendlich eher bestätigt wird oder ideologisch überformt.

Arbeiten wie die von Rosa M. Hessling rütteln dagegen an den Grundfesten der Wahrnehmung - Wirklichkeit erscheint als eine Form der Vermittlung, bei der die Beziehung zwischen Beobachter und Beobachteten eine zentrale Rolle spielt. Jenseits jeder vermeintlichen Sicherheit reflektiert sich in diesen Arbeiten der permanente Umwandlungsprozeß von Materie in Energie und vice versa, ein Prozeß, der sogartig alle Unterschiede und Unterscheidungen erfaßt, die für die konventionelle Sicht von Welt und ihr Bild nach wie vor bestimmend sind. Formen lösen sich in einen fluktuierenden Raum-Zeit-Zusammenhang auf, der sich als eine schwebende Verbindung zwischen Körper und Nicht-Körper, Materie und Licht, Statik und Dynamik, Aktualität und Virtualität, Objektivität und Subjektivität vollzieht, indem sich die Wirklichkeit des Bildes mit dem Bild der Wirklichkeit berührt und eine unauflösbare Symbiose eingeht.

Der Doppelaspekt der Farbe, der Ursprung und Ziel jeder Malerei ist, wird hier nicht gezeigt, sondern er realisiert sich in einem unabgeschlossenem und unabschließbaren Kreislauf, in dem das Bild als Relation zwischen Farbmaterie und Lichtschwingung, zwischen Betrachter und Betrachtetem - quasi aus ihrem Abstand heraus - als flüchtiges Motiv ebenso wie als oszillierender farbiger Schein auftaucht und ebenso rasch wieder untergeht. Bild ist hier weder konkret noch abstrakt, nicht dingfest zu machen. Bild ist eine vierdimensionale Einheit von ungeheurer Präzision, die jenseits der Welt der Zeichen und jenseits der Welt der Identitäten - als Unschärferelation zwischen Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit manifest wird - eine Unschärferelation, in der die Gegensätze in ihren Randzonen ineinanderübergehen wie Schein und Sein, wie Subjekt und Objekt - in sich verspiegelte Projektionen, die ineinanderstürzen.

Angesichts dieser Arbeiten verliert man nicht nur den Überblick, sondern auch den Boden unter den Füßen - wer sich darauf einläßt, haltlos und grundlos, ohne Netz und doppelten Boden, wird ahnen, daß es weder die Tänzer gibt, noch das Parkett, sondern nur den Tanz - den unendlichen Reigen der Elektronen, der alles umfaßt und alles beinhaltet - körperloser Körper - Allumfassend.